Frau Hacker, Frau Hacker... als ich den letzten Satz Ihres Buches „Die Erdbeeren von Antons Mutter“ gelesen hatte und es, ich gebe zu, endlich von einem erleichterten Seufzer begleitet beiseite legen konnte, malte sich kurzzeitig ein ganz eigenartiges Bild in meinem Kopf- ich sah mich mit Ihnen am Küchentisch sitzen, streichelte Ihnen über das Haar und schenkte Ihnen einen Becher heißen Kakao ein, während ich Ihnen versicherte, jeder könne einmal mit dem, was er tue, völlig daneben liegen. Ihr Buch bereitete mir, gelinde ausgedrückt, so einige Schwierigkeiten und stellte meine Geduld und meine Leseausdauer auf eine harte Probe.
Dabei musste ich feststellen, dass ich durchaus verstehe, was Sie meinen, Ihre Intention ist mehr als nur eine Ahnung und absolut nachvollziehbar. Aber es scheitert an der Umsetzung, und dieses Scheitern ist keines von der belanglosen Sorte. Lange habe ich überlegt, WAS es ist, was mich so hartnäckig davon abhält, Ihr Werk zu mögen, es wenigstens gern zu lesen. In meiner Verzweiflung suchte ich nach Leser-Rezensionen und Literatur-Blogs, um vielleicht in der Meinung eines anderen Menschen MEINE Antwort zu finden. Aber alles, was ich fand, war noch mehr Ratlosigkeit.
Lassen Sie mich kurz resümieren. Da haben wir den Kreuzberger Arzt Anton, der mittvierzigjährige Dreh- und Angelpunkt Ihrer Geschichte, dessen melancholisch-tiefsinnige, ich mag fast sagen verweiblichte Seele unruhig zwischen seiner mysteriösen Liebe Lydia und den dementen Eltern wandelt. Der düsteren Vergangenheit der Geliebten und ihrer Tochter steht der sich rasch verschlimmernde Gedächtnisverlust der Mutter (und des Vaters, aber das scheint nebensächlich) gegenüber. Anton bekämpft beides auf seine abstoßend naiv wirkende Art- er pflanzt der Mutter die vergessenen Erdbeeren nach, um ihr ihre alljährliche Marmeladen-Tradition zu ermöglichen und baut pubertäre Luftschlösser für eine Frau, die sich schwer tut, sich für ihn zu entscheiden.
Doch als wäre das alles nicht schon schlimm genug, kreieren Sie noch einige das ohnehin fragwürdige Gesamtkonzept sprengende Nebencharaktere- zwei psychisch gestörte Fremdenlegionäre und einige unerwähnenswerte Freunde, inklusive Hund und Eltern.
Die Frage nach der Sinnhaftigkeit verpasste mir das endgültige Knock-Out.
Wenn er nicht arbeitete, wenn er nicht eine Mail an Lydia schrieb, wenn er nicht bei Jan und Alix war oder mit Bernd ausging, malte er sich ein Haus aus, das er für sie kaufen würde. Ein Haus mit einem Garten, damit Rachel darin spielen könne und später mit ihren Freundinnen in einer Hollywoodschaukel sitzend plaudern, ein bißchen abseits, ungestört von ihrer Mutter und ihrem Ziehvater. Rachel liebte er auch schon, er hatte ein Foto von ihr lange angeschaut, staunend und unruhig, daß sie seine Tochter werden könnte.
Ganz objektiv und isoliert betrachtet, ist Ihre Geschichte sehr berührend, nur leider hakt es an der Komposition. Alles wird angesprochen und aufgewühlt, doch nichts wird auch nur annähernd zu Ende gebracht. Ihre nebulösen Figuren stehen in keiner sinnigen Konstellation zueinander, manchmal schien es, als würden sie alle in verschiedenen Parallel-Universen existieren und sich gegenseitig nur als Schatten wahrnehmen. Jegliche Wortwechsel wirkten so steif und unauthentisch, was der Ernsthaftigkeit den Boden unter den Füßen entriss. Stattdessen verschleierten Sie alles mit einem fremdartig anmutenden Heimatfilm-Flair und bauten damit eine unüberwindbare Mauer um Ihre Geschichte, die mir jeden Zugang verwehrte.
Ich habe beschlossen, es nicht weiter zu bedauern, im Gegenteil. Man muss akzeptieren, was jenseits der eigenen Interessen liegt. Und Ärzte ab Vierzig, deren Fokus auf Kinder zeugen und Häuser bauen liegt, gehören da für mich scheinbar (noch) nicht dazu.
Stirnrunzelnd und schulterzuckend,
L
