VIRTUOS: NICOLAS JAAR IM..

VIRTUOS: NICOLAS JAAR IM BERGHAIN

Die Frage nach dem Hype um die Person Nicolas Jaar lässt schnell verwöhnte Berliner Kritik aufkommen, denn die Weiterentwicklung des Techno liegt bereits mehr als ein Paar Monate zurück und so steht eine gesunde Blässe über seinem Haupt. von Enrico Hahne (29.01.2012)
Titelbild

Zeiten verändern sich und so steht am 18. Januar 2012 ein Künstler auf der Bühne der heiligen Hallen des Berliner Berghains, der nicht zuletzt durch sein musikalisches Talent Teil einer Generation junger Musikvirtuosen geworden ist, die elektronische Musik um mindestens ein weiteres Level nach vorne gebracht hat.

Nicolas Jaar releaste 2011 mit seinem Debütalbum Space Is Only Noise eine Platte, die weltweit für Aufsehen sorgte. Der 21-jährige New Yorker überzeugt nicht erst seit Songs wie mi mujer mit seiner einzigartigen Mischung aus Blues, Jazz und Elektro. Erneut auf Tour, zieht er durch halb Europa, um die auf seinem eigenenLabel Clown & Sunset erschiene EP Don’t Break My Love zu promoten.

Die Frage nach dem Hype um die Person Nicolas Jaar lässt schnell verwöhnte Berliner Kritik aufkommen, denn die Weiterentwicklung des Techno liegt bereits mehr als ein paar Monate zurück und so steht eine gesunde Blässe über dem Haupt des jungen Musikvirtuosen aus New York. Vielleicht lag es an den bereits weit im Vorfeld ausverkauften Konzerten im Berghain. Vielleicht aber auch einfach an einer Portion natürlicher Skepsis, die man einem Künstler gegenüber entwickelt, der einen solchen Hype erfährt.

Diese Kritik wünscht sich den Nicolas Jaar zurück, der noch nicht durch den gesamten Freundeskreis diskutiert wurde und ein scheinbar atemloses Set im morgendlichen Kater Holzig spielt.

Genauso gewollt freundlich und gekonnt distanziert, wie dieser Versuch der Kritik, begegnete Nicolas Jaar dann auch seinem Publikum. Welches aber weder ihm noch seinem Kompagnon, Valentine Stipe, der ihn auf dieser Clown&Sunset Tour begleitete, die ausschließliche Konzentration auf den Computerbildschirm übel nahm. So schafften beide eine sehr ähnliche musikalische Sphäre, die in der Location des Berghains einen ehrwürdigen Partner fand.

Schaute man in die Gesichter des Publikums, fiel ein Gesichtszug besonders auf: geschlossene Augen. So vereint gab die Menge etwas Gemeinsames wieder. Es wirkte allein die Faszination elektronischer Musik und zollte Respekt an den Mann, der unbestreitbar wie kaum ein anderer Klänge, einzelne Töne, Vocals und Bässe mit einem Timing aufeinander abstimmt, als würde jedes Set nach mathematischen Formeln ablaufen. Welten brachen aufeinander, durch Samples von Notorius B.I.G., What My Last Girl Put Me Trough gepaart mit Jaar typischen Beats. Und auch Into The Night von Azari & III ließ schnell jegliche Skepsis im Publikum schwinden. Die Augen schlossen sich wieder und die aufgedrehte Function One erledigte mit ihren klaren Bässen den absoluten Rest.

Doch gerade in den letzten Zügen der zweiten Zugabe bekam man das Gefühl, dass der junge Mann hinter dem Apple-Computer gedanklich schon wieder auf der nächsten Reise war und sein Kopf vor lauter Sample-Ideen einer inneren Zirkulation unterlag. Nur wohin führt diese Reise, deren Ziel Destination nicht alleine auf den Schultern des jungen Brown-University Studenten liegt. Worin besteht der Reiz für musikalisch talentierte junge Pianisten wie James Blake oder Francesco Tristano sich soweit in die Gefilde des Techno zu bewegen? Mit großer Sicherheit liegt dies an der enormen Vielfältigkeit, die elektronische Musik und im besonderen Techno einem guten Gehör ermöglichen.

Wichtig ist aber auch, dass zu dieser Interessengemeinschaft dann aber neben dem Luxemburger Francesco Tristano auch die drei Mitglieder vom Brandt Brauer Frick Essemble aus Deutschland gehören und ebenso Aufmerksamkeit verdienen. So sind diese Künstler zusammen mit Nicolas Jaar der Beweiß dafür, dass ich auch meine Oma davon überzeugen könnte, dass Techno einen relevanten musikalischen Anspruch erhebt und nicht nur eine Musikrichtung für Menschen mit getunten Autos und Neon-Gelben-Hosen ist.

Nicht zu letzt setzt Nicolas Jaar mit einem 2-Stündigen Live-Konzert die Messlatte für Musiker mit einer klassisch geprägten Vergangenheit und eine dem Techno orientierten Zukunft weit nach oben. Danke. 

 

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