Cinélog: »Synecdoche,..

Cinélog: »Synecdoche, New York« – Die Dekonstruktion des Selbst

Ein Mann zerbricht in seine Teile – und versucht, sich in ihnen zu erkennen. von Christian Herschmann (31.01.2012)
Titelbild

Caden Cotard (Philip Seymour Hoffman), Theaterregisseur an einer mittelgroßen Bühne im vergleichsweise provinziellen Schenectady, New York, ist gefangen zwischen Melancholie, Angstzuständen und körperlichen Gebrechen. Obwohl er vor Ort ein erfolgreiches Künstlerdasein hegt, muss er nicht nur um seine artistische Ausdruckskraft bangen, es schleichen sich peu à peu Unverständnis, Distanz und Unbehagen in sein privates Leben, allem voran in die Beziehung mit seiner sinnsuchend-konfrontativen Frau Adele (Catherine Keener), die am Beginn einer verheißungsvollen Karriere als Malerin steht. Als sie beschließt, Caden zu verlassen und mit der gemeinsamen, vierjährigen Tochter Olive einen Neuanfang in der Kunstszene Berlins zu unternehmen, bleibt er als gebrochener Mann zurück. Verlassen, einsam, zerrüttet auch in seiner Physis, trabantiert die Gedankenwelt des Regisseurs um Vergänglichkeit und die eigene Mortalität. Was bleibt, ist Terror Management und Schaffensdrang. Ein neues Werk muss her, das aber gar nicht Ablenkung sein soll, vielmehr ist brutaler Realismus das Ziel von Cadens Vision. In seiner Sinnsuche will er die Dinge, wie sie sind, widerspiegeln und möglicherweise in einer Schau erklärbar machen. Nichts Artifizielles, keine Fiktion, stattdessen eine Komposition des Banalen, Alltäglichen und Schmerzlich-Wahrhaftigen. Jeder weiß, er wird sterben, und denkt im Geheimen, er wird es nicht. – Mit einem Leitmotiv wie diesem liegt es nicht mehr gar so fern, dass sich die Selbsttherapie in einer Spirale des Selbstzwecks verliert.

Eigenes Bild 2 (gross)Überraschend mit einer MacArthur Fellowship geehrt, dem schwergewichtigen amerikanischen Genie-Förderpreis, dessen großzügige Mittelvergabe weniger honorieren als für die Zukunft in die Pflicht nehmen will, erhält Caden Öl in sein kompromissmüdes Feuer und erhöht in der Folge die Skala. Um ein größeres Publikum zu erreichen, zieht er von Schenectady nach New York, wo wortspielhaft und namensgebend nun die sinnbildliche Synekdoche passieren darf, ein Konzept, das zumeist eine Bedeutungsverschiebung bezeichnet, bei der ein Teil von etwas auf das Ganze verweist: In einer gigantischen Lagerhalle entsteht die reale Welt erneut, diesmal als Bühne für Cadens Stück. Umgeben von den Kulissen New Yorks, mit einer wachsenden Zahl an Nebenrollen und Komparsen, schöpft Caden aus den Erlebnissen und Episoden der eigenen melancholischen Existenz und seiner gescheiterten Beziehungen. Die tiefe Traurigkeit überträgt sich auf den gesamten dynamischen Apparat und ein Schauspieler, der Caden mimt, bewegt sich durch ganze Häuserblocks und vorbei an Wolkenkratzern der rekonstruierten Stadt. Das Projekt, von außen die eigene Existenz zu betrachten, wird Cadens einziger Lebensinhalt und ein immer jüngeres Echo der Realität; nach unzähligen Jahren ist die Kulisse schließlich beinahe zur einzigen Wahrheit geworden. Um diese zu begreifen, ist nun ein Schauspieler vonnöten, der Cadens Schauspieler gibt, und um das Lagerhaus muss ein weiteres entstehen…
Eigenes Bild 3 (gross)
Roger Ebert, der wahrscheinlich bedeutendste Filmkritiker der heutigen Zeit, befand, dass Synecdoche, New York der beste Film der 2000er Jahre sei. Was mit verquerer Situationskomik und Wortwitz in einem sympathisch angelegten Misfit-Szenario beginnt, gerät in späteren Teilen zur schmerzhaften, tieftraurigen Innenperspektive einer gelähmten Seele, die sich nur noch selbst dabei beobachten kann, auf das unvermeidliche Ende zuzugehen. Warum diese Reise für den Zuschauer so mitreißend ist, liegt an vielen kreativen und personellen Faktoren: das einzigartige, erkenntnisreiche Skript von Charlie Kaufman, der hier zudem sein Regiedebüt gibt, nachdem er als außergewöhnlicher Drehbuchautor von den Spike Jonze - Filmen Being John Malkovich und Adaptation bekannt geworden war und zusammen mit Michel Gondry für Eternal Sunshine of the Spotless Mind den Oscar erhielt; Philip Seymour Hoffman ist ein weiteres Mal nicht zu übertreffen, spielt brillant und nuancenreich und überragt doch nur knapp ein Ensemble, das bis in die kleinsten Rollen dem schwierigen Auftrag des Films gerecht wird. Eine zweifache Oscar-Preisträgerin Dianne Wiest etwa hat kaum mehr als zehn Minuten auf der Leinwand und doch möchte man sie um keinen Preis in dieser späten Phase des Films vermissen, die von Jon Brions erlösend-oblivionischer Filmmusik zu einem langen ätherischen Abgesang verwoben wird.

Um schließlich einen Ausschnitt der Gedankenwelt von Synecdoche, New York zu erleben, sei zuletzt die Grabrede des Pfarrers in einer von Caden inszenierten Beerdigungsszene in extenso zitiert:

» And they say there is no fate, but there is: it's what you create. And even though the world goes on for eons and eons, you are only here for a fraction of a fraction of a second. Most of your time is spent being dead or not yet born. But while alive, you wait in vain, wasting years, for a phone call or a letter or a look from someone or something to make it all right. And it never comes or it seems to but it doesn't really. And so you spend your time in vague regret or vaguer hope that something good will come along, something to make you feel connected, something to make you feel whole, something to make you feel loved. And the truth is I feel so angry, and the truth is I feel so fucking sad, and the truth is I've felt so fucking hurt for so fucking long and for just as long I've been pretending I'm OK, just to get along, just for, I don't know why, maybe because no one wants to hear about my misery, because they have their own. Well, fuck everybody. Amen. «



Bilder:
http://www.itusozluk.com/gorseller/synecdoche+new+york/76382
http://ichakdaana.blogspot.com/2011/11/synecdoche-new-york.html#!/2011/11/synecdoche-new-york.html
http://thefastbreakofchampions.blogspot.com/2011/01/synecdoche-new-york.html

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