Durch Neukölln mit.....

Durch Neukölln mit... Katja Lehmann

Gründerin und Inhaberin der Rock Pop Schule Berlin. von Alexandra Lauck (19.04.2010)
Titelbild

Es gab Zeiten in denen Neukölln nicht Neukölln sein wollte. Angrenzend an Kreuzberg orientierte sich der Stadtteil, der für Unwissende oder Nicht-Berliner immer noch ein Bereich in und um die Gefahrenzone Hermannplatz ist, an seiner Konkurrenz und nannte sich Kreuzkölln.Jedoch hat sich Kreuzkölln mittlerweile mit all seinen Cafés, seinen Bars, seinen Bewohnern, seinen Clubs, seiner Kunst- und Kulturszene und seinen Galerien, Kunstsammlern, Designern und Musikern, Künstlern und Kindern zu einem selbstbewussten Stadtteil entwickelt und will wieder unter seinem Mädchennamen bekannt werden.Nun muss herausgefunden werden, an welchen Orten in Neukölln das liegen könnte und was sich hinter einigen der noch unentdeckten Eingangstüren verbirgt.

Freitag, Neukölln, Pflügerstrasse 4, Erdgeschoss.

Morgens um halb 10 gehen in der Pflügerstrasse Nr. 4 die Rollläden hoch. Dahinter verbergen sich wenige, dafür aber markante Gegenstände: Eine lange Theke mit einem Laptop, ein Sofa, ein Phonoschrank aus den 50’ern und ein Klavier. Tagsüber laufen hier Schüler der Rock Pop Schule Berlin ein und aus. Sie sind entweder da, um endlich Gitarre zu lernen, zum verlernten Klavierspiel zurück zu kehren oder sich einer musikalischen Ausbildung - der „Masterclass“  - zu unterziehen. Wer Teil der Masterclass ist, muss eine Aufnahmeprüfung bestehen, hat aber danach die Möglichkeit ein Jahr nach dem Prinzip „Einsteiger trifft Profi“, sowohl in einem Haupt – und einem Nebenfach, wie auch in Form von Gruppenstunden in u.a. Rock Pop Geschichte, Rhythmik und Emotionstraining unterrichtet zu werden. Dieses Ausbildungskonzept ist durch die Frustration der Gründerin Katja Lehmann entstanden, die sich während ihres eigenen Gesang-Studiums nie richtig betreut gefühlt hat und in das unbekannte Dinkelsbühl ziehen musste, weil sie kein Jazz, sondern Rock-Pop Gesang studieren wollte.
Die Rock Pop Schule existiert seit dem Jahr 2000, eine Zeit in der Katja Lehmann selber noch 21 Jahre jung war und den Mut besaß sich selbstständig zu machen. Der Erfolg blieb nicht lange aus, worüber sich andere Existenzgründer bedingungslos gefreut hätten. Schon nach kurzer Zeit gab es 18 Lehrer, die die Masse an Schülern, die im Rock Pop Schulen-Konzept das gefunden haben, was sie für ihren musikalischen Werdegang brauchten, unterrichten. Und es passierte das, was für ein erfolgreich funktionierendes Konzept eher ungewöhnlich ist: Katja zog mit der Schule in kleinere Räumlichkeiten um, weil sie merkte, dass ihr Konzept, jedem Schüler eine individuelle Betreuung anzubieten und neben der Schule auch noch Konzerte mit noch unbekannten Berliner und internationalen Musikern zu organisieren, eben nicht mehr funktionierte. Also wanderte die Schule von der Skalitzer - in die Bopp - und noch einmal wenige Zeit später in die Pflügerstrasse.

Im vorderen und hinteren Raum der Schule, scheint sich einmal im Monat freitags etwas zu verändern. Denn nachdem die Rollläden hochgefahren werden, passiert Folgendes:
Laptop unter den Tresen, Gläser und Weinflaschen raus, die Bierkisten gestapelt, ein paar Kerzen angezündet und das „Wohnzimmerclub“ - Schild angeknipst.
Derjenige, der glaubt verstanden zu haben, was sich da für ein Laden hinter den Fenstern verbirgt, wird nun wieder eines Besseren belehrt.
„Da wir ganz gut darin sind, mit ein bisschen hier hin schieben und dahin räumen, funktioniert das sofort“ – mit dem Wohnzimmerclub. Im hinteren Teil der Schule werden die Instrumente verräumt und verschoben, die Kissen in unordentliche Reihen verteilt und ein paar Bänke aufgestellt, zum Schluss noch einmal über die Bühne gesaugt. Nachdem der letzte Schüler gegangen ist, wird aus dem Klavierzimmer der Backstagebereich für die jeweiligen Bands, die schon zum Soundcheck anrollen. Und langsam aber sicher bewegen sich die Nachbarn, die anwohnenden Neuköllner, aber auch Fans und Bekannte der auftretenden Musiker aus anderen Stadtteilen und Interessierte, die den Flyer irgendwo gefunden oder auf Myspace fündig geworden sind, aus ihren Löchern und machen aus der Schule den Wohnzimmerclub. Und wenn man die seit 10 Jahren hier lebende Neuköllnerin Katja fragt, woher das Publikum größtenteils kommt, sagt sie nur: „Wenn die hier sind, sind das alles Neuköllner.“ Jedoch immer nur höchstens 40 auf einem Haufen, da hat der Neuköllner an sich dann auch keinen Vorrang. In welches Wohnzimmer passen schon mehr als 40 Leute plus Band und Instrumente? Hier geht’s offensichtlich nicht um Geld, sonst könnte man die Veranstaltung auch in einen größeren Raum legen. Hier geht’s um die Idee, in ein Wohnzimmer einzuladen und die Musiker durch die intime Atmosphäre herauszufordern.


Wer hier auftritt, weil er Musik macht, die in dieser beschaulichen Atmosphäre „funktioniert“ und „in den Menschen arbeitet“, entscheidet Katja zusammen mit Katharina Lauck, die viel Zeit damit verbringt, die Singer-Songwriter Szene zu durchsuchen, um den richtigen Musikern diese spezielle Neuköllner Plattform anzubieten. Die Galerie der signierten Singles an den Wänden klingt zwar nicht mehr, spricht aber Bände: Brokof, Mork’s Medicine, Ofrin, Kenneth Minor, My Sister Grenedine, Tim Neuhaus und viele mehr sind hier schon aufgetreten.

Als nächstes sind im Wohnzimmerclub am 07. Mai Scheining und Stadt Land Fluss auf der Bühne zu hören und bei 48 Stunden Neukölln (25. Juni) zeigt der Club mal richtig was er kann und hat genug Zeit Lesungen, Kurzfilme und Konzerte an einem Tag zu präsentieren.
Denn wenn die Pflügerstrasse Nr. 4 mal gerade keine Schule und kein Konzertclub ist, dann gibt es auch manchmal Lesungen, Kino oder Workshops.

Leider ist bis jetzt noch niemand auf die Idee gekommen, die Schule zu fördern, obwohl diese auf immaterielle Art und Weise die Künstlerszene in ihrer Vernetzung fördert, einen Raum schafft und verschiedene Sparten zusammenführt. Zum großen Leid ist stetig zu wenig auf dem Konto, um den Künstlern mehr Honorar zu zahlen oder um  Geld in neue Instrumente zu investieren, mehr Mitarbeiter oder das geplante Studio zu finanzieren. „Was hier auf dem Konto fehlt, landet dann von meinem auf dem Schulkonto“, sagt Katja Lehmann, die nicht nur ihre Schule in Neukölln betreibt, sondern selber auch dort wohnt.

Den Wohnzimmerclub für die Nacht, die Rock Pop Schule für den Tag und ein Päckchen Idealismus zum abgucken für die Woche verbirgt sich also hinter den Rollläden in der Pflügerstrasse 4 in der man sich wie Mitten im „neuen“ Neukölln fühlt.

Fragebogen, bitte ausfüllen!

Wohnzimmerclub bedeutet für mich...
eine intime warme Atmosphäre, ein entspannter Abend, tiefe Kunst.

Ich kenne...immer mehr...Nichtraucher.

Ein berufsbedingter Tick von mir ist...vergessen zu essen.

In diesen vier Wänden darf... rechtsradikale Musik (politisch nicht korrekte Musik) nicht gespielt werden.

Ich habe zur Verbesserung des Images von Neukölln beigetragen,....
indem die Kunst- und Musikszene unterstützt wird.

Abgesehen von meinem eigenen Laden gehe ich noch gerne ins...
Mama, Eckbert, Thai in der Friedelstrasse, Movimento, Markt, türkische Läden

Aber mein Zweitlieblingsladen in diesem Kiez ist...das Movimento.

Wenn nicht Neukölln, dann...Kreuzberg.

Als Türsteher meines eigenen Ladens lasse ich....
unangenehme Leute, die sich nicht benehmen können nicht rein.

In... rechtlichen und finanziellen ...Angelegenheiten würde ich gerne mal meinen Chef fragen.

Wenn die Stadt Berlin mir unbegrenzt Geld geben würde, dann würde ich als erstes...
Equipment kaufen, eine Wand raus hauen, um mehr Platz zu haben und das Studio im Keller bauen, das dann auch als Proberaum funktioniert.

Ich würde hier rein gehen wenn ich den Laden nicht kenne würde, weil...
er nach außen gemütlich und sympathisch wirkt.

Ich gehe in Rente wenn...
nie, kann ich mir nicht vorstellen.

Im Netz unter www.myspace.com/berlinlivecom
http://www.myspace.com/rockpopschule

 

  • KOMMENTARE & BEWERTUNGEN
     
    LocRating
  • © 1999-2012 nachtausgabe.de GmbH. All rights reserved.
    all graphics, logos, designs, page headers, buttons, icons and other service names are the trademarks of nachtausgabe.de GmbH.